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Missbrauch des Blauen Engel durch Ninestar und Toner-Dumping

Smarte chinesisch-deutsche Blue Wash-Strategie

Es ist an Dreistheit kaum zu überbieten: Seit August wirbt Ninestar damit, für zahlreiche Tonermodule der Marke G&G den ‚Blauen Engel‘ nach RAL DE-ZU 177 erhalten zu haben. Das anspruchsvolle Umweltsiegel wird ausschließlich für wiederaufbereitete Tonerkartuschen vergeben. Jetzt haben Testkäufe, die uns exklusiv vorliegen, ergeben, dass sechs in den letzten Wochen bei Tonerdumping gekaufte G&G-Kartuschen zu 100 Prozent Newbuilt sind! Diese haben exakt dieselben Hersteller-Artikelnummern wie die mit dem Blauen Engel zertifizierten Kartuschen. Das ist grobe Irreführung der Verbraucher und ‚Blue Washing‘ in Reinkultur. Dass die getesteten Newbuilt-Kartuschen gar nicht das Blaue Engel-Logo tragen, macht die Sache nicht besser. Die RAL hat auf unsere Recherchen bereits reagiert, Ninestar umgehend kontaktiert und die G&G-Kartuschen von der Homepage entfernt.

Ein Muster-Beispiel von bzw. Blue Washing powered by Ninestar und Toner-Dumping: Erst dem Verbraucher nachhaltige Blaue-Engel-Kartuschen schmackhaft machen und dann unter derselben Artikelnummer Single-use Newbuilt-Kartuschen liefern… (© Fotolia)


„Wir fühlen uns geehrt, diese Zertifizierung zu erhalten, weil sie von angesehenen, unabhängigen und glaubwürdigen deutschen öffentlichen Institutionen gefördert wird“, erklärte Ni Ming, Direktor der Abteilung Qualitätsmanagement bei Ninestar, Mitte August sichtlich stolz. Damals hatte der chinesische Konzern zahlreiche Tonerkartuschen der Marke G&G mit dem ‚Blauen Engel‘ zertifizieren lassen – als Chinas erste Marke für Druckerzubehör.

Branchenbeobachter hatten sich damals verwundert die Augen gerieben. Schließlich war offensichtlich, dass Ninestar den europäischen Markt seit Jahren vor allem mit einer Art von Produkten überschwemmt: mit billigen Single-Use-Kartuschen, die zu 100 % newbuilt sind. Die sind exakt das Gegenteil von nachhaltig und widersprechen den Anforderungen des Blauen Engel (Details siehe Infokasten) in nahezu allen Punkten diametral.

Wie will Ninestar das bewerkstelligen, hatten sich damals viele gefragt. Dass der weltgrößte Hardcopy-Hersteller auch Reman-Kartuschen produziert, war klar. Solche aber im großen Stil auf den europäischen Markt zu bringen, würde einen logistischen Herkulesakt erfordern: Zum einen müsste Ninestar ein flächendeckendes Leergut-Sammelsystem aufbauen, zum anderen müsste man sicherstellen, dass Reman-Produkte, die man in Europa verkauft, ausschließlich aus europäischem Leergut produziert werden. Das sieht die sog. ‚First Sales Doktrin‘ vor, über die die OEMs mit juristischen Argusaugen wachen – erst vor knapp zwei Jahren hatte HP diesbezüglich rigoros durchgegriffen und zahlreiche Unterlassungsaufforderungen an deutsche Online-Händler verschickt (https://tinyurl.com/y5dwmmwq)

Es braucht nur ein wenig Kreativität

Des Rätsels Lösung ist viel einfacher, als man denkt. Es braucht nur ein wenig Kreativität und Raffinesse. Offensichtlich hat man bei Ninestar zunächst eine Reihe von Kartuschen, die im Ausschreibungsgeschäft hierzulande besonders stark nachgefragt werden, definiert. Dann hat man die entsprechenden G&G-Reman-Kartuschen nach den strengen Vorgaben der RAL DE-UZ 177 testen lassen und die detaillierten Prüfberichte mit einer eidesstattlichen Versicherung an die RAL gGmbH geschickt. Diese hat die Unterlagen geprüft, keinerlei Mängel festgestellt und die Kartuschen mit dem Blauen Engel zertifiziert. Ab diesem Zeitpunkt konnte Ninestar mit dem angesehenen Gütesiegel werben, zeitgleich wurden die zertifizierten G&G-Tonermodule auf der Website der RAL veröffentlicht.

Der Bereich Drucker/MFP und Supplies ist eine der wichtigsten Produktkategorien für den Blauen Engel: Das Umweltsiegel wird in der Branche stark genutzt. (© RAL)

So weit, so gut.
Nun hätte es zwei Möglichkeiten gegeben:

1) Die ernsthaft nachhaltige Strategie:
Ninestar stellt bei den G&G-Produkten, die mit dem Blauen Engel zertifiziert wurden, zumindest für den deutschen Markt vollständig auf Reman-Kartuschen um, und bewirbt diese entsprechend.

2) Die ´Mal so, mal so´-Strategie:
Ninestar entschließt sich, zweigleisig zu fahren und bietet die G&G-Kartuschen über seine deutschen Handelspartner in zweierlei Formen an:
A) als Newbuilt-Kartuschen (wie bish
B) als Reman-Kartuschen, die mit dem Blauen Engel zertifiziert sind.

Bei diesem Ansatz müssten die beiden Produktkategorien zwingend unterschiedliche Artikelnummern tragen, damit sie sich verlässlich voneinander unterscheiden lassen.

In die Irre geleitete Öko-Leidenschaft

Tatsächlich hat man sich für eine dritte Möglichkeit – nennen wir Sie die ‚smarte chinesische Green bzw. Blue Washing-Strategie‘ – entschieden. Das heißt konkret, der deutsche G&G-Hauptdistributor, Toner-Dumping, – die uns vorliegenden Testkäufe bedienten sich alle im Online-Shop der Berliner – verkauft weiter munter G&G-Newbuilt-Kartuschen von Ninestar. Toner-Dumping nutzt dafür aber exakt dieselbe Artikelnummer, mit der die Blaue Engel-zertifizierten G&G-Kartuschen auf der Homepage der RAL sowie in den eigenen Werbeaussagen ausgelobt wurden.

Das bedeutet konkret: Wenn ich mich als potenzieller Kunde für die Blaue Engel-zertifizierten G&G-Tonerkartuschen interessiere, dann finde ich entweder auf der RAL-Website oder im Blog von Toner-Dumping (18.8.2020) eine Liste aller zertifizierten Kartuschen mit Artikelnummern. Hat mich dann die Öko-Leidenschaft voll erfasst, komme ich mit zwei Klicks vom Blog in den Online-Shop von Toner-Dumping. Dort gebe ich mittels Copy & Paste die Artikelnummer aus der Liste der Blauer Engel-zertifizierten Kartuschen ein und kann diese sofort bestellen. Ich spüre förmlich, wie mir Greta Thunberg auf die Schulter klopft und fühle mich rundum im Öko-Glück. Das Dumme ist nur: Zwei Tage später bekomme ich eine Single-Use-Newbuilt-Kartusche made in China, die so ziemlich exakt das Gegenteil dessen ist, was man als nachhaltig bezeichnen kann. Nur kann ich das als Laie nicht beurteilen – deshalb habe ich ja auf den Blauen Engel als solide Marke vertraut. Leider wurde dieses Vertrauen missbraucht…

Vergleichsbild einer getesteten G&G-Tonerkartusche (NT-PH532Y für HP Color LaserJet CP2025) mit der Original-HP-Kartusche: Die G&G-Kartusche ist eindeutig newbuilt.

Prompte Reaktion der RAL

Das ist grobe Irreführung der Verbraucher und ‚Blue Washing‘ in Reinkultur. Ninestar wirbt mit dem hierzulande renommierten Gütesiegel und suggeriert den Kunden, sie würden ein ökologisch-nachhaltiges Reman-Produkt zum Schnäppchenpreis bekommen. Tatsächlich bekommen sie in den meisten Fällen ein Produkt, das ziemlich exakt das Gegenteil dessen ist, was der Blaue Engel verspricht – nämlich eine billige Single Use-Newbuilt-Kartusche aus China, die nach einmaligen Gebrauch entweder auf der Mülldeponie landet, oder die aufwändigen Sammelsysteme der Remanufacturer verstopft und deren Leergut-Kosten zusätzlich in die Höhe treibt.

Dass die sechs getesteten Newbuilt-Kartuschen gar nicht das Blaue Engel-Logo tragen, macht die Sache nicht besser: Das wäre dann ein noch eklatanterer Verstoß gewesen.

Das dreiste Vorgehen ist zugleich eine Anfrage an die Vergabestellen der diversen Gütesiegel, wie ernst es ihnen damit ist, ihre Marken wirklich zu schützen. Die RAL hat, nachdem wir sie über unsere Recherchen informiert hatten, sofort reagiert: Man hat die Unterlagen umgehend geprüft, Ninestar um eine kurzfristige Stellungnahme gebeten und die im August mit dem Blauen Engel zertifizierten G&G-Kartuschen direkt von der Internet-Seite entfernt. Ganz offensichtlich scheint man unsere Einschätzung, dass es sich hier um eine grobe Irreführung der Verbraucher handelt, in Bonn zu teilen.


Der Blaue Engel zählt zu den am besten etablierten Umweltsiegel – und man wäre bei der RAL gut beraten, jede Form von Missbrauch oder Green Washing im Keim zu ersticken. (© RAL)


Chance zur Profilschärfung des Blauen Engel

Es bleibt zu hoffen, dass sich die RAL von Ninestar nicht mit einem billigen ‚Ups, da ist uns wohl ein kleiner Fehler unterlaufen‘-Statement abspeisen lässt. Dafür steht zu viel auf dem Spiel: Der Blaue Engel ist hierzulande eine starke Marke. Um diese zu schützen und solche offensichtlichen Versuche von billigem Green Washing im Keim zu ersticken, sollte man den Ball auf keinen Fall zu flach spielen. Wer so offensichtlich falsch spielt, muss auch die Konsequenzen zu spüren bekommen. Sonst fragen sich alle anderen, die ebenfalls auf den Blauen Engel setzen, warum sie sich an die Regeln halten sollen – und andere nicht.

Ein starkes Statement für die Glaubwürdigkeit des Blauen Engel wäre es zweifelsohne, wenn die RAL ein Vertragsverletzungs-Verfahren gegen Ninestar starten würde: Damit würde man das Profil des Blauen Engel als anspruchsvolles Umweltlabel mit Sicherheit nochmal deutlich schärfen – in der Drucker-Branche aber auch außerhalb. Dass zur Ninestar-Gruppe bekanntlich auch Lexmark gehört – der Druckerhersteller verfügt aktuell über eine stolze ‚Sammlung‘ von mehr als 100 mit dem Blauen Engel zertifizierte Laserdrucker – macht die Sache zwar nicht einfacher. Aber allzu einfache Lösungen – wie zum Beispiel ein und dieselbe Artikelnummer für unterschiedliche Produkte – sind ja offensichtlich auch nicht immer zielführend… ho

100 Prozent newbuilt

Folgende sechs G&G-Tonerkartuschen wurden für die Tests, die diesem Artikel zugrunde liegen, im September und Oktober 2020 online bei Tonerdumping – dem Hauptdistributor für G&G-Kartuschen in Deutschland – gekauft und in einem unabhängigen Prüflabor analysiert:
- Artikelnummer NT-PH532Y für HP Color LaserJet CP2025
- Artikelnummer NT-PH530BK für HP Color LaserJet CP2025
- Artikelnummer NT-PH201BK für HP Color LaserJet M252
- Artikelnummer NT-PH411C/PH412Y/PH413M für HP Color LaserJet M452
Für all diese G&G-Kartuschen hatte Ninestar im August 2020 die Zertifizierung mit dem Blauen Engel erhalten. Alle sechs analysierten Kartuschen waren eindeutig Single Use-Newbuilt-Kartuschen. Die Detailergebnisse liegen uns vor, ein Foto haben wir exemplarisch abgebildet.

Hohe Anforderungen

Zeicheninhaber des Blauen Engel ist das Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz. Die fachlichen Kriterien für die Vergaberichtlinien entwickelt das Umweltbundesamt. Die Jury Umweltzeichen ist das unabhängige Beschlussgremium des Blauen Engel, und die RAL gGmbH mit Sitz in Bonn die offizielle Zeichenvergabestelle.
Wichtigstes Ziel des Blauen Engel für wiederaufbereitete Tonermodule nach RAL DE-ZU 177 ist es, eine substanzielle Reduzierung der Abfallmenge bei Tonermodulen zu erreichen. Es gelten strenge Obergrenzen für gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe im Tonerpulver ebenso wie im Kartuschengehäuse, zudem sind Emissionstests vorgeschrieben. Nur wiederaufbereitete Reman-Kartuschen können zertifiziert werden, die (ohne Tonerbefüllung) zu mindestens 75 Prozent aus wiederverwendeten Teilen bestehen. Ausgenommen sind Teile, die unmittelbar für die Druckqualität entscheidend sind wie z. B. Fotoleitertrommeln. Die Funktionalität der Tonermodule ist durch Prüfungen nach DIN 33870-1 oder DIN 33870-2 sicherzustellen.
Last but not least muss der Anbieter ein geeignetes Sammelsystem für Leerkartuschen nachweisen und sowohl die Herkunft des eingesammelten Leerguts als auch den Reman-Prozess genau dokumentieren. Diesen Nachweis hätten wir für die zertifizierten G&G-Kartuschen gerne eingesehen – doch hat uns die RAL diesen aus verständlichen Gründen vorenthalten...


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