Digital-Imaging - TOP-THEMEN Mottenbekämpfung auf Chinesisch,   Naphthalin, NBC, Newbuilt-Kartuschen, Schadstoffe, TÜV Rheinland LGA
Hohe Naphthalin-Werte in Newbuilt-Tonerkartuschen

Mottenbekämpfung auf Chinesisch

Dass viele Newbuilt-Tonerkartuschen (NBC) aus Fernost schadstoffbelastet sind, wissen wir spätestens seit dem DecaBDE-SkandalI. Neue Tests geben Anlass zu neuer Sorge: Demnach enthalten die Tonerpulver bei sieben von acht getesteten NBC-Kartuschen bedenklich hohe Naphthalin-Verunreinigen. Zwar liegen diese noch innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte – den von der TÜV Rheinland LGA Products GmbH empfohlenen RichtwertII (1 mg/kg) überschreiten sie jedoch um das bis zu 6,5-Fache. Naphthalin wird auf Basis etlicher Studien als Krebserzeugend eingestuft. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten gilt bei kanzerogenen Substanzen ein konsequentes Minimierungsgebot. Davon sind die Naphthalin-belasteten Tonerkartuschen jedoch meilenweit – genau genommen um bis zu 6,5 mg/kg – entfernt.

Laut aktuellen Tests enthalten sieben von acht untersuchten Newbuilt-Tonerkartuschen bedenklich hohe Naphthalin-Verunreinigungen: Der Stoff gilt als Krebserzeugend. (istockphoto/ Mohammed Haneefa Nizamudeen)
Russland macht uns gerade vor, dass es nicht nur Gesetze und Vorschriften braucht, sondern auch den politischen Willen, dieselben zu exekutieren. So ist es seit dem 1. März verboten, IT-Produkte, Printer und Supplies nach Russland einzuführen, welche die RoHS-Richtlinie der EU für gefährliche Inhaltsstoffe in Elektro(nik)-Produkten nicht erfüllen. Damit wird ein Großteil der asiatischen Newbuilt-Kartuschen de facto vom russischen Markt ausgeschlossen, weil diese zu einem großen Teil nicht RoHS-konform sind. So hat zumindest Russland seine Konsequenzen aus dem Skandal um DecaBDE-belastete China-Kartuschen gezogen…

Dass die systematischen Verstöße der chinesischen Hardcopy-Anbieter gegen geltendes EU-Recht jenseits des Ural sanktioniert werden, während sie diesseits davon ungeahndet bleiben, ist grotesk. Und es kann gefährlich für die EU-Bürger und deren Gesundheit sowie für die Umwelt sein. In einem Punkt sind sich nämlich so gut wie alle Branchenbeobachter einig: Asiatische Newbuilt-Kartuschen verstoßen auf verschiedenen Ebenen gegen europäisches Recht und Gesetz – die Missachtung der RoHS- über REACH-Verordnungen sind nur die Spitze des Eisbergs.

Tonerpulver mag vieles enthalten – Napthalin sollte definitiv nicht dabei sein… (Fotolia/Tim Friedrich)


Darf es auch ein bisschen mehr sein…?

Wo das hinführt, zeigen die jüngsten Tests asiatischer Newbuilt-Tonerkartuschen, die uns vorliegen. Auch der europäische Remanufacturer-Verband ETIRA hat dazu kürzlich eine Presseinformation versendet. Insgesamt acht Kartuschen – sieben davon für gängige HP-Laserdrucker, eine für Samsung – wurden von der TÜV Rheinland LGA Products GmbH analysiert. Jeweils drei Tests haben die ETIRA und ein rumänischer Remanufacturer in Auftrag gegeben, weitere zwei ein deutscher Hardcopy-Anbieter.

Konkret prüfte TÜV Rheinland/LGA das Tonerpulver der acht Kartuschen auf folgende Schadstoff-Kategorien:
- 1) Schwermetalle wie Kobalt
- 2) Flüchtige organische Verbindungen (VOC – volatile organic compounds)
- 3) CMR-Stoffe (carcinogenic – mutagenic – reprotoxic)

Das Ergebnis ist alarmierend: Bei sieben der acht getesteten NBC wiesen die Toner Naphthalin-Verunreinigungen auf, die den Richtwert von TÜV Rheinland LGA ProductsII um das bis zu 6,5-Fache überschritten: Der liegt für kanzerogene PAK (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffen) wie Naphthalin bei 1 mg/kg und wird mit der sog. ‚Thermoextraktionsmethode‘ gemessen. PAK-Substanzen sind in der EU großteils als krebserzeugend eingestuft.

Javier Martinez: „Die Tests zeigen, dass es sehr oft gefährlich ist, Newbuilt-Kartuschen zu kaufen. Indem sie Druckerkartuschen mit Schadstoff-belastetem Toner verkaufen, spielen Händler mit der Gesundheit ihrer Kunden!“


Naphthalin selbst gilt beim Menschen als „vermutlich Krebserzeugend“ und fällt in die Klasse der sog. CMR-Stoffe: In dieser Produktgruppe fasst man Krebserzeugende (carcinogenic), erbgutverändernde (mutagenic) und fortpflanzungstoxische (reprotoxic) Substanzen zusammen (Details siehe Infokasten).

‚Spitzenreiter‘ bei den Messungen war mit 7,5 mg/kg Naphthalin die Printtech Timisoara-Kartusche aus Rumänien, gefolgt von den Eurotone- (6,2 mg/kg), Tito Express- (5,7 mg/kg), Print-Klex- (5,6 mg/kg), Venue Design Timisoara (4,9 mg/kg) und Tonerpartner-Kartuschen (3,8 mg/kg). Die Mehrzahl dieser Marken wird preisaggressiv über das Internet verkauft und liegt im Amazon-Ranking dementsprechend weit vorne.

Gefahr des Ausdampfens beim Druckvorgang

Entscheidend für die toxikologische Bewertung der belasteten Kartuschen ist vor allem eine Frage: Wieviel von dem Naphthalin wird während des Druckvorgangs ausgedampft? Die Aufnahme über die Haut spielt im Büroumfeld sicher eine untergeordnete Rolle – üblicherweise kommt man mit Tonerpulver kaum in Berührung. Der primäre Aufnahmeweg ist über das Einatmen entsprechender Dämpfe. Biomonitoring-Untersuchungen an exponierten Personen lassen grundsätzlich auf eine schnelle Resorption von Naphthalin über den Atemtrakt schließenIV.

Es ist nicht auszuschließen, dass ein beträchtlicher Teil der Naphthalin-Verunreinigungen in Tonerpulver während des Druckprozesses ausgedampft wird: So wird der Toner beim Fixieren auf ca. 160 Grad Celsius erhitzt, und Naphthalin weist einen relativ hohen Dampfdruck mit Tendenz zur Sublimation bei Raumtemperatur auf.

Umso erstaunlicher ist, dass für die Verunreinigung von Tonerpulver mit Naphthalin bis dato nicht der verschärfte gesetzliche Grenzwert für die als kanzerogen eingestuften PAK der Kategorie 1A/K1 (siehe Infokasten) von 1,0 mg/kg gilt sondern 10 mg/kg.

Die Dosis macht das Gift

Deutlich vorsichtiger als die Behörden gehen es Prüfinstitute wie die TÜV Rheinland LGA Products GmbH an: Das renommierte Nürnberger Prüflabor setzt als Thermoextraktions-Schwellenwert für Naphthalin in Tonerkartuschen 1,0 mg/kg an – entsprechend dem verschärften Grenzwert für die kanzerogenen PAK der Kategorie 1A/K1.

Dass die maximale Arbeitsplatz-Konzentration (MAK-Wert) von Naphthalin in Deutschland bei 2 mg/m3 Raumluft liegt, überrascht angesichts der Einstufung als vermutlich kanzerogene Substanz. „Dieser MAK-Wert liegt deutlich über den von der Innenraumluft-Hygiene-Kommission (IRK) definierten Richtwerten I und II (RWI = 10 µg/m³; RWII = 30 µg/m³)“, erläutert Dr. Christian Schelle von der TÜV Rheinland LGA Products GmbH. „Entsprechend dem aktuellen Stand der Technik kann eine Naphthalin-Belastung minimiert oder ausgeschlossen werden. Bei kanzerogenen Stoffen gilt unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ein konsequentes Minimierungsgebot.“

Das Risiko, dass ein beträchtlicher Teil der Naphthalin-Verunreinigungen während des Druckprozesses ausgedampft wird, ist hoch: Schutzanzüge könnten Abhilfe schaffen… (Alamy Stock Foto/Jochen Tack)


Auf Grund einer fehlenden Korrelation zwischen Material- und Emissionswerten kann das Ausmaß einer inhalativen Exposition gegenüber Naphthalin bei belasteten Tonerpulvern während des Druckvorganges schwer abgeschätzt werden. Eine Aussage bzw. Abschätzung, so Schelle, könne ausschließlich auf Basis einer Prüfkammer-Emissionsmessung getroffen werden. „Aus unseren zahlreichen Messungen können wir abschätzen, dass bei steigenden Materialkonzentrationswerten an Stoffen wie Naphthalin im Kammertest tendenziell erhöhte Emissionswerte resultieren.“

Dass es auch anders geht, belegen übrigens die als Referenz getesteten Reman-Kartuschen made in Europe: Bei diesen lagen die Naphthalin-Werte unterhalb der Nachweisgrenze.

ETIRA-Präsident, Javier Martinez, zeigt sich ‚not amused‘ von den Testergebnissen: „Die Tests zeigen, dass es sehr oft gefährlich ist, Newbuilt-Kartuschen zu kaufen. Indem sie Druckerkartuschen mit Schadstoff-belastetem Toner verkaufen, spielen Händler mit der Gesundheit ihrer Kunden!“

Gift-Minimierungsgebot trifft auf Profit-Maximierungsgebot

So oder so stellt sich aber in diesem Kontext einmal mehr die Frage: Kann ich es als Händler mit meinem Gewissen vereinbaren, meinen Kunden ein Produkt zu verkaufen, das zwar billig ist, aber zugleich ein erhöhtes Gesundheitsrisiko aufgrund von Schadstoffen mit sich bringt…? Vor einem Jahr war es DecaBDE, jetzt ist es Naphthalin – was kommt als Nächstes? Kann und will ich mich als Händler auf irgendwelche „Konformitätserklärungen“ verlassen, die in der Regel nicht einmal das Papier wert sind, auf das sie – mit mehr oder weniger Naphthalin – gedruckt werden…? Oder weiche ich doch lieber auf ein europäisches Marken-Reman-Produkt aus, das zwar deutlich teurer ist – dafür aber in der Regel gesetzeskonform und gesundheitlich unbedenklich…? Es ist Ihre Entscheidung als Händler – und auch Verantwortung!

Formal juristisch sind die getesteten Kartuschen nicht angreifbar – schließlich bewegen sie sich innerhalb des vorgegebenen gesetzlichen Grenzwerts. Aber das ist – offen gesagt – auch fast egal: Schließlich haben die deutschen Behörden ja auch nichts unternommen, als die Chinesen vor einem Jahr mit ihren stark DecaBDE-belasteten Kartuschen systematisch gegen deutsches und europäisches Recht verstoßen haben.

Aber es gibt noch eine andere Ebene jenseits vom Gesetz und dessen (Nicht)-Exekution: die moralische. Wer seinen Kunden weiterhin billige, Naphthalin-belastete China-Kartuschen verkaufen möchte, der mag das gerne tun. Er handelt damit aber grob fahrlässig und setzt seine Kunden einem erhöhten Gesundheitsrisiko aus. Bei Krebserzeugenden Substanzen gilt laut dem TÜV Rheinland/LGA-Experten, Dr. Christian Schelle, ein „konsequentes Minimierungsgebot“. Trifft dieses auf das ungeschriebene Profit-Maximierungsgebot, dann trennt sich die Spreu vom Weizen…

Wenn Sie als Händler die Gesundheit Ihrer Kunden nicht gefährden wollen, dann sind sie mit Original- oder europäischen Reman-Kartuschen gut beraten: Bei zwei getesteten Referenzkartuschen lagen die Naphthalin-Werte unterhalb der Nachweisgrenze. (© WTA)

Trio infernale

Unter dem Begriff CMR-Stoffe fasst man Krebserzeugende (carcinogenic), erbgutverändernde (mutagenic) und fortpflanzungstoxische (reprotoxic) Substanzen zusammen. Krebserzeugend bedeutet, dass ein Stoff oder Stoffgemisch Krebs auslösen oder die Krebshäufigkeit erhöhen kann. Erbgutverändernd heißt, dass Mutationen in den Keimzellen ausgelöst werden können, die möglicherweise an die Nachkommen weitergegeben werden. Reproduktionstoxische Substanzen beeinträchtigen die Sexualfunktionen und Fruchtbarkeit bei Mann und Frau.

CMR-Stoffe werden in drei Kategorien unterteilt:
- Kategorie 1A/K1: Kanzerogene, mutagene oder reprotoxische Wirkung beim Menschen nachgewiesen
- Kategorie 1B/K2: Kanzerogene, mutagene oder reprotoxische Wirkung bei Tieren nachgewiesen und beim Menschen vermutet
- Kategorie 2/K3: Vermutlich kanzerogene, mutagene oder reprotoxische Wirkung ohne Nachweis bei Mensch und Ti

In der Regel handelt es sich bei CMR-Stoffen um Substanzen, für deren Krebserzeugende, erbgutverändernde und fortpflanzungstoxische Wirkung es zwar wissenschaftliche Belege und Studien gibt – diese sich aber noch nicht statistisch ausreichend abgesichert sind.

Kann vermutlich Krebs erzeugen

Naphthalin fällt in die Kategorie der polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK). Es kommt in teerhaltigen Bauprodukten (Teerkleber, Teerfarben, Teerpappe) vor und hat einen charakteristischen Geruch nach Mottenkugeln. Naphthalin liegt bei Raumtemperatur als farbloser Feststoff vor. Der Schmelzpunkt liegt bei 80 Grad Celsius, der Siedepunkt bei 218 Grad.

Acht PAK sind in der EU als Krebserzeugend eingestuft und fallen in die CMR-Stoff-Kategorie 1A. Für diese hat die EU-Kommission in Ergänzung zur REACH-Verordnung als gesetzlichen Grenzwert 0,5 mg/kg in Spielzeug bzw. 1,0 mg/kg in allen anderen Produkten festgelegt. Das chemisch ähnlich aufgebaute Naphthalin wurde als „vermutlich Krebserzeugend“ eingestuft und ist nach der restriktiveren deutschen Einstufung als Karzinogen der Kategorie K2 (entspricht der Kategorie 1B nach EU-Recht) klassifiziert. Damit gilt der verschärfte gesetzliche Grenzwert von 1 mg/kg für die in Kategorie 1 (bzw. 1A nach EU-Recht) eingestuften PAK nicht. Nach der EU-GHS-Einstufung zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien ist Naphthalin mit der Kennzeichnung H351 „Kann vermutlich Krebs erzeugen“ zu versehen.

Im Tierversuch konnte eine kanzerogene Wirkung von Naphthalin bei Ratten ab einer Konzentration von 53 mg/m3 Raumluft nachgewiesen werdenIII: Die Nager entwickelten daraufhin nasal-olfaktorische Blastome (Tumore in der Nase bzw. dem Riechnerv). Bereits bei einer deutlich geringeren Konzentration konnten die Forscher zytotoxisch entzündliche Veränderungen im nasalen Epithel der Ratten feststellenIII.

Überdies gibt es aus Mutagenitäts-Versuchen Anhaltspunkte für eine mögliche erbgutverändernde Wirkung von Naphthalin auf MenschenIV. Last but not least liegen zwei Berichte über reproduktionstoxische Wirkungen vorIV: Demnach führte die orale Aufnahme von Naphthalin durch werdende Müttern im letzten Schwangerschaftsdrittel bei den Neugeborenen 3 bzw. 7 Stunden nach der Geburt zu einer hämolytischen Anämie mit Ikterus (Gelbsucht) durch den Zerfall der Erythrozyten (roten Blutkörperchen).


Drucken
TOP-THEMEN