Digital-Imaging - TOP-THEMEN „Wir waren offensichtlich eine hübsche Braut“,   Docuware, ECM, Max Ertl, Office-Printing, Ricoh, übernahme

Interview mit Max Ertl, Docuware

„Wir waren offensichtlich eine hübsche Braut“

Wie Anfang Juli bekannt wurde, übernimmt Ricoh den deutschen ECM-Anbieter Docuware. Damit beschleunigt sich das Zusammenrücken der Office-Printing- und ECM-Sparte. Laut Ricoh-Europachef, David Mills, soll Docuware als eigenständige Tochtergesellschaft fortgeführt werden. Wie eine solche Eigenständigkeit innerhalb eines großen Konzerns konkret aussehen könnte und welche Auswirkungen der Eigentümerwechsel auf die künftige Vertriebsstrategie und Produktentwicklung in Germering hat, das wollten wir von Docuware-Geschäftsführer, Max Ertl, wissen.

Max Ertl: „Alle Partner bekommen den gleichen Zugang zu unserem Produkt und identische Preise. Da wird keiner bevorzugt – auch nicht Ricoh.“ (© Docuware)
War Ricoh von Anfang an der Wunsch-Übernahme-Kandidat für Docuware? Ich habe freilich volles Verständnis, dass Sie diese Frage aus taktischen Gründen schwerlich verneinen können…
Max Ertl: Lassen Sie es mich ganz untaktisch sagen: Wir hatten keinen Wunschkandidaten, und es war am Anfang noch nicht einmal klar, ob wir einen strategischen oder Finanzinvestor bekommen würden. Die Verhandlungen, die etwa ein Dreivierteljahr gedauert haben, waren ein völlig ergebnisoffener Prozess.
Was wir von Anfang an klar definiert haben, waren unsere Anforderungen an den Wunschkandidaten: Dieser sollte an der langfristigen Produktstrategie und Vertriebsstruktur von Docuware festhalten und unsere Wachstumsstrategie fortführen. Es gab einige Kaufinteressenten: Offensichtlich waren wir eine hübsche Braut. Heute kann ich im Rückblick sagen: Ricoh ist unseren Vorstellungen am nächsten gekommen.
„Ricoh wird weder den Vertrieb noch die Docuware-Produktentwicklung an sich ziehen. Es gibt es kein Bestreben von Seiten Ricohs, Docuware zu integrieren.“
Sind die von Service IT Report kolportierten Zahlen über den Kaufpreis zutreffend…? Dort wurde gemutmaßt, dass Ricoh 136 Mio. Euro an die bisherigen Docuware-Eigentümer (den Investor Stanley Morgan, das Softwarehaus Nemetschek und die beiden Firmengründer, Jürgen Biffar und Thomas Schneck) überweisen wird.
Max Ertl: Über den Kaufpreis haben wir Stillschweigen vereinbart, und daran werde ich mich auch halten.

David Mills will den Ausbau des Docuware-Vertriebsnetzes vorantreiben und in die Weiterentwicklung der Produkte investieren. (© Ricoh)
Ricoh-Europachef, David Mills, hatte bei Bekanntgabe der Akquisition erklärt, dass Docuware als eigenständige Tochtergesellschaft fortgeführt werden soll. Wie darf man sich diese Eigenständigkeit praktisch vorstellen?
Max Ertl: Wir werden genau das tun, was wir Anfang Juli bekannt gegeben haben und worüber auch Einigkeit mit Ricoh herrscht: Weder an dem erfolgreichen Vertriebskonzept über unser engagiertes Partnernetzwerk noch an unserer Produktstrategie wird sich durch die Übernahme etwas ändern. Docuware wird als unabhängige Tochtergesellschaft von Ricoh weiterhin eigenständig agieren, und für unsere Mitarbeiter, Partner und Kunden ist deshalb ‚Business as usal‘ angesagt.

Das heißt, Ricoh bekommt auch in Zukunft weder einen besseren Produktzugang, noch bessere Projektpreise als andere Partner – von einem Zugriff auf die Docuware-Kundendaten ganz zu schweigen…?
Max Ertl: Genau so ist es. Alle Partner bekommen den gleichen Zugang zu unserem Produkt und identische Preise. Da wird keiner bevorzugt. Es ist für uns von entscheidender Bedeutung, alle Partner gleich zu behandeln – das gilt auch für Ricoh. Und natürlich bekommt Ricoh keinen Zugang zu unseren Kundendaten.
Dieses Vorgehen basiert auf einer wohl überlegten strategischen Entscheidung, die wir gemeinsam mit Ricoh getroffen haben. Bei Ricoh schätzt man den Wert unseres Vertriebskanals sowie der eigenen Produktenwicklung sehr hoch ein. Und man hat verstanden, dass der Docuware-Erfolg daran gekoppelt ist, dass beides unabhängig fortgeführt wird. Alles andere würde nicht funktionieren – davon bin ich überzeugt.
„Wir hatten keinen Wunsch-Übernahme-Kandidaten und sind ergebnissoffen in die Verhandlungen gegangen. Heute kann ich im Rückblick sagen: Ricoh ist unseren Vorstellungen am nächsten gekommen.“
Tatsächlich gibt es genügend Beispiele von Übernahmen mittelständischer Unternehmen durch Konzerne, die daran gescheitert sind, dass völlig unterschiedlichen Firmenkulturen aufeinander geprallt sind. Was stimmt Sie optimistisch, dass der Docuware-Spirit in den Mühlen eines 18 Mrd. Konzerns nicht völlig auf der Strecke bleibt…?
Max Ertl: Die klare Vereinbarung, die wir mit Ricoh getroffen haben, stimmt mich zuversichtlich. Zentraler Punkt ist, wie ich vorhin schon sagte: Ricoh wird weder den Vertrieb noch die Docuware-Produktentwicklung an sich ziehen. Wir machen ja auch ein völlig anderes Business: Ricoh kommt aus dem Hardware-Geschäft, wir entwickeln und vermarkten eine Software-Lösung. Deshalb gibt es gar kein Bestreben von Seiten Ricohs, Docuware zu integrieren.
Im Gegenteil sind wir uns einig, dass unsere Erfolgsgeschichte nur fortgeschrieben werden kann, wenn Docuware weiterhin eigenständig am Markt agiert und gerade nicht integriert wird. Den Fehler, den andere vor uns gemacht haben, wollen wir nicht wiederholen…

Was verändert sich für die autorisierten Docuware-Partner (ADP) durch die Übernahme? Was ist deren größte Sorge in diesem Kontext?
Max Ertl: Für die ADP ändert sich durch die Übernahme nichts.
Die Sorgen unserer Partner lassen sich in folgenden vier Befürchtungen zusammenfassen: Wir könnten die Partner künftig ungleich behandeln; wir könnten Kundeninformationen an Ricoh weitergeben; wir könnten Informationen zu laufenden Partner-Projekten an Ricoh weiterreichen; wir könnten unsere Fähigkeit, eine gute, wettbewerbsfähige ECM-Software zu entwickeln, verlieren, weil Ricoh Einfluss auf die Produktentwicklung nimmt.
Diese Sorgen sind für uns nachvollziehbar, aber unbegründet. Das haben wir unseren Partnern mitgeteilt, und diese Botschaft ist auch angekommen

Ricoh unterhält ein riesiges Vertriebsnetz rund um den Globus. Welche Priorität hat der Ausbau der Vertriebsbasis für die Docuware-Lösung über die weltweiten Ricoh-Kanäle – sei es direkt oder indirekt…?
Max Ertl: Natürlich wird Ricoh über seine Kanäle in Zukunft verstärkt unsere Lösung vermarkten. Wie man das genau angehen wird, und in welchen Kanälen gezielt entsprechendes Know-how aufgebaut werden soll, das sollten Sie besser bei Ricoh erfragen.
Auf jeden Fall passt unsere Lösung perfekt zur Strategie von Ricoh als Komplettanbieter rund um den Arbeitsplatz der Zukunft.

Wie wichtig war die Cloud-First-Strategie, die Docuware in den letzten Jahren stark forciert hat, für Ricoh bzw. die anderen ‚Heiratskandidaten‘…?
Max Ertl: Das war für alle potenziellen Käufer ein sehr wichtiger Punkt. Der Cloud gehört im Software-Business die Zukunft – darin sind sich fast alle aus der Branche einig.

Business as usal

Wie Anfang Juli bekannt wurde, übernimmt der im japanischen Nikkei-Index gelistete Ricoh-Konzern Docuware. Dass der traditionsreiche deutsche ECM-Anbieter zum Verkauf steht, war in der Branche ein offenes Geheimnis: Erst Anfang des Jahres hatten die langjährigen Vorstände und Firmengründer der Docuware-Gruppe, Jürgen Biffar und Thomas Schneck, den Stab an ein neues Führungsduo – bestehend aus Chief Technology Officer (CTO), Dr. Michael Berger, und Chief Revenue Officer (CRO), Max Ertl, – abgegeben.
Ebenfalls nicht wirklich überraschend ist es, dass Ricoh der neue Docuware-Eigentümer ist: Bekanntlich besteht zwischen dem japanischen Konzern und der deutschen ECM-Schmiede eine langjährige, enge Partnerschaft. So ist Ricoh seit vielen Jahren erfolgreicher Docuware-Partner und hat einen klaren Fokus auf der Vermarktung der Docuware ECM-Lösung mit einer entsprechend breiten installierten Basis. Vor diesem Hintergrund wäre die Übernahme von Docuware durch einen Wettbewerber aus der MFP-Industrie mit großen Risiken für Ricoh behaftet gewesen.
Mit Unternehmenszentralen in Deutschland und den USA bietet Docuware Cloud- und On-Premise- Lösungen für Dokumenten-Management und Workflow-Automatisierung an. Das Unternehmen hat weltweit mehr als 12.000 Kunden in mehr als 90 Ländern und vertreibt seine Software über ein Netzwerk von 600 Partnern.
David Mills, Corporate Senior Vice President, Ricoh Company Ltd, erklärte, dass Docuware als eigenständige Tochtergesellschaft von Ricoh agieren und das erfolgreiche Partnerprogramm beibehalten soll. Zudem werde Ricoh den Ausbau des Docuware-Vertriebsnetzes vorantreiben und in die Weiterentwicklung der Produkte investieren. Die wohl wichtigste Botschaft des Ricoh-Europachefs an die Mitarbeiter, Partner und Kunden von Docuware lautete aber: Am operativen Geschäft soll sich durch die Akquisition bis auf weiteres nichts ändern.
Zum Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Der Abschluss der Transaktion wird noch für diesen Sommer erwartet. Nach Abschluss wird Docuware als Tochtergesellschaft von Ricoh mit den Geschäftsführern Dr. Michael Berger und Max Ertl fungieren.


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