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CEBIT verliert 40 % ihrer Besucher

Operation gelungen, Patient tot…?

Die Neuausrichtung der CEBIT war ein voller Erfolg, tönt es aus Hannover. Mit dem neuen Event-Charakter habe man insbesondere bei der Zielgruppe der Blogger, Influencer und Visionäre offene Türen eingerannt. Die Zahlen sprechen indes eine andere Sprache: 40 % weniger Besucher als noch vor einem Jahr geben Anlass zu echter Sorge. Offensichtlich ist es der Messe Hannover nicht gelungen, das eine (Festivalstimmung auf dem d!campus) stimmig mit dem anderen (hartem Business in den Hallen) zu verbinden. Bei aller Liebe zu den hippen Influencern scheint man eines übersehen zu haben: Am Ende des Tages wird ein Großteil der Geschäfte nach wie vor mit den Krawatten-Trägern gemacht. Wenn man die verliert, dann hat es sich auf der CEBIT bald ausgebloggt – weil niemand die Zeche zahlt.

Hipp und sogar mit Krawatte: der deutsche Hip-Hop- und Reggae-Musiker Jan Delay mit Band bei seinem Konzert auf der CEBIT 2018 (© Messe Hannover)
Es war ein mutiger Schritt der Deutschen Messe AG, die CEBIT in diesem Jahr radikal neu auszurichten. Nach dem anhaltenden Besucherschwund der letzten Jahre trat man die Flucht nach vorne an und krempelte die vormals weltgrößte Messeveranstaltung radikal um. Inhaltlich im Fokus stand die Digitalisierung mit all ihren Chancen und Risiken. „32 Jahre nach ihrer Gründung wandelt sich die frühere Computermesse zu einem Digital-Festival um“, erklärte Bitkom-Präsident Achim Berg. Außer dem Namen und dem Ort habe die CEBIT 2018 nicht mehr viel mit den Veranstaltungen früherer Jahre gemein. In der Tat war vieles neu, schon der Zeitpunkt im Frühsommer (11. –15. Juni) sorgte für eine völlig andere Atmosphäre: Den pittoresken Charme von Niedersachsens schmucker Landesmetropole bei strahlendem Sonnenschein zu genießen, hat definitiv eine ganz andere Qualität, als sich Mitte März durch den obligaten CEBIT-Schneesturm zu pflügen…

Neu war unter anderem der zentrale d!campus auf dem großen Freigelände als Ort der Begegnung, für Open-Air-Veranstaltungen, den ungezwungenen Austausch und Partys. Hierfür haben die Messegesellschaft und manche Aussteller tief in die Kasse gegriffen: Alleine die große Festivalbühne hätte es mit vielen Konzerthallen aufnehmen können. Abends gab es dort hochkarätige Konzerte unter anderem mit Jan Delay und Mando Diao. Zudem hatte ein großer Software-Anbieter ein 60 m hohes Riesenrad aufgebaut, um seine Business-Termine in luftige Höhen zu verlagern.

Fotos

Im Flow auf der digitalen Welle ist der CEBIT offensichtlich etwas die Bodenhaftung verloren gegangen… (© H. Ortner)
Es lebe die Disruption

Ein weiterer zentraler Bestandteil der neuen CEBIT war der Konferenztag am Montag sowie das breit angelegte Konferenzprogramm (d!talk). Laut Angaben der Deutschen Messe verfolgten an allen Tagen mehr als 30.000 Zuschauer die Keynotes und Diskussionen auf den zahlreichen Konferenzbühnen. Inhaltlich ging es dabei um die aktuellen Trendthemen der Digitalisierung wie Künstliche Intelligenz, Blockchain, Future Mobility, Security und Human Robotics.

d!talk war die Plattform der Influencer, Blogger und Visionäre wie zum Beispiel Nina Schwichtenberg: Die bekannte Modebloggerin zählt mehr als 200.000 Follower auf Instragram und erklärte den Zuhörern auf der CEBIT, wie man eine junge Zielgruppe heute erfolgreich über digitale Kanäle wie Instragram und Youtube ansprechen und seine Botschaft dort geschickt platzieren kann. ‚Disruption‘ heißt in diesem Kontext das Zauberwort: Dabei sollen konventionelle Geschäftsmodelle durch die Möglichkeiten der Digitalisierung aufgebrochen und neue etabliert werden.

Neu, hipp und erfolglos

Davon sprach auch Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG, in seinem Abschluss-Statement. „Wir haben überaus positives Feedback zur Zukunftsfähigkeit des neuen CEBIT-Konzepts sowie zu unserem Mut, nicht nur von Disruption zu sprechen, sondern sie auch anzupacken. Hierdurch ist es uns auf Anhieb gelungen, konkretes Business in den Hallen mit Festivalstimmung auf dem d!campus zu verbinden.“

Schön wäre es, wenn Frese Recht hätte, doch sprechen die Zahlen eine andere Sprache: 120.000 Besucher kamen zur Premiere der neuen CEBIT nach Hannover – 40 % weniger als noch zur CEBIT 2017 (200.000). Das ist ein herber Rückgang, den man sich in Hannover so sicher nicht vorstellen konnte. Es klingt fast ein wenig trotzig, wenn Oliver Frese gegenüber NDR-Reportern erklärt: „Wir sollten aufhören, diese CEBIT mit früheren Veranstaltungen zu vergleichen. Für uns ist das jetzt die CEBIT 1.0.“ Wer war es denn, der sich in den üppigen Jahren gerne mit großen Zahlen geschmückt hat…? Man kann die Geister, die man einmal rief, eben nicht flugs wieder wegschicken, wenn sie nicht mehr opportun sind.

Wie hipp ist eigentlich Hannover…?

Mittlerweile sind es längst andere Messestandorte, die Wachstumsthemen wie Mobilfunk oder Consumer Elektronik von der CEBIT abgezogen haben und mit großen Zahlen locken: So kamen zur letztjährigen Funkausstellung (IFA) gut 250.000 Besucher nach Berlin, und die diesjährige CES lockte gut 180.000 Besucher nach Las Vegas. Und, mal Hand aufs Herz: Wenn man sich zwischen Berlin, Las Vegas, Barcelona und Hannover entscheiden muss: Welche Stadt könnte da am Ende wohl das Nachsehen haben…?

Noch verwegener liest sich das Zitat von Heiko Meyer, Vorsitzender des CEBIT-Messeausschusses und Geschäftsführer von Hewlett-Packard Enterprise, zur Messebilanz: „Die neue CEBIT war ein voller Erfolg.“ Mag sein, dass HP mit seinem Messeauftritt zufrieden war. Für die Mehrzahl der Aussteller ist es aber ein Desaster, wenn jetzt nur noch 120.000 potenzielle Besucher nach Hannover kommen und nicht mehr 200.000. Die Kosten eines Messeauftritts sind ja auch nicht um 40 % gesunken und die Erwartungen der Geschäftsführung an verwertbare Leads auch nicht… ho

ANGEMERKT

Irgendjemand muss die Zeche bezahlen
Wenn Oliver Frese davon spricht, dass es auf Anhieb gelungen sei, „konkretes Business in den Hallen mit Festivalstimmung auf dem d!campus zu verbinden“, dann ist ganz offensichtlich der Wunsch Vater des Gedankens. Genau das ist der Messe Hannover eben nicht geglückt. Ja, man hat viele hippe Protagonisten der Digitalisierung auf die neue CEBIT gelockt – was im Übrigen sicher eine Stange Geld gekostet haben dürfte. Aber man hat eines nicht geschafft: die Brücke zur langjährigen Stammklientel der früheren Computermesse zu bauen. Und das sind nun mal die Krawatten-Träger, die zwar nicht so hipp sind wie die Influencer – aber immer noch diejenigen, die am Ende des Tages über die neue IT-Infrastruktur, die Modernisierung des Rechenzentrums oder die Investition in eine Cloud-Lösung entscheiden. Und damit das hohe Investment der Aussteller in der einzig relevanten Währung refinanzieren: in Form harter Aufträge. Riesenräder sind etwas Schönes, kostenlose Konzerte sowieso und auch ein frisch gepresster Mangosaft ist nicht zu verachten. Wenn aber hauptsächlich die Blogger Riesenrad fahren und die Influencer Mangosaft trinken – dann gibt es am Ende niemanden, der die Zeche bezahlt.

Hier besteht akuter Nachbesserungsbedarf: Wenn es der Deutschen Messe AG nicht gelingt, die frühere Kernklientel der CEBIT wieder stärker nach Hannover zurückzuholen, dann könnten viele Aussteller ganz schnell die Lust am Riesenrad Fahren verlieren. Man hatte ja das Profil der CEBIT vor fünf Jahren wieder stärker in Richtung B-to-B geschärft – und es hat sogar funktioniert. Im Bereich Drucklösungen, Scanner und Capturing sowie DMS/ECM hat sich mit der Halle sogar eine sehr gelungene Plattform für die Dokumentenbranche entwickelt. Nur scheint diese traditionelle B-to-B-Klientel bei der jetzigen Neuausrichtung eindeutig unter die Räder der „Wir müssen unbedingt hipp werden“-Fraktion gekommen zu sein. Und das könnte der CEBIT den Garaus machen, wenn es nicht korrigiert wird. ho

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